Valle Maira: Eine raumplanerische Betrachtung

Ein Leitfaden zur Erkennung von Entwicklungspotentialen und zur räumlichen Neudefinition zweier Gemeinden des Mairatales

Als Diplomarbeit an der Universität Stuttgart, Fakultät für Architektur und Stadtplanung entstanden. 

topografische Karte des Mairatales mit den 13 Gemeinden 

Immer mehr Menschen leben in den Städten, immer weniger Menschen suchen auf dem Land ihr Heil. Das Wachstum der Bevölkerung in den Alpen ist im Vergleich zu Resteuropa trotzdem überdurchschnittlich. Die Städte wachsen, ländliche Gebiete schrumpfen, teils extrem. Die Alpen stehen heute zwischen Entsiedlung und Verstädterung.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie man mit entsiedelten Berggebeiten umgehen soll und wie Architekten sinnvolle und vernünftige Planungen für diese Gebiete durchführen können.

Das Mairatal im Westen des Piemonts ist eine der am stärksten von Abwanderung betroffenen Täler der gesamten Alpen. Die 13 Gemeinden des Tales wurden einer Analyse im Hinblick auf Bevölkerung, Infrastruktur, Wirtschaft und Tourismus unterzogen. Im Anschluss daran wurde ein Werkzeug vorgestellt, das es erlaubt lokale Entwicklungspotentiale herauszufiltern und sie untereinander zu vernetzen. 

In einem weiteren Schritt wurden diese Potentiale anhand von zwei Gemeinden räumlich gefasst. Die Idee dabei ist, alle verfügbaren Kräfte in erhaltenswerte Zentren zusammen zu ziehen.

Die Arbeit widmet sich der These, strukturschwache Bergregionen durch konsequenten Rückbau und die Konzentration menschlichen Handelns auf wichtige, erhaltenswerte Orte zu reduzieren und der Natur freiwerdende Räume wieder zurückzugeben.

Paradebeispiel für diese Entsiedlung sind die Cottischen Alpen in der Region Piemont. Um beispielhaft diese Entwicklung darzustellen, wird in dieser Arbeit das Mairatal näher betrachtet. Das Tal zeigt anhand von historischen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklungen, warum über 60% der Bevölkerung abgewandert sind. Heute leben noch etwa 12000 Menschen in diesem Tal, 7300 davon in der Kleinstadt Dronero.

Das Maira Tal erstreckt sich auf einer Fläche von knapp 570 km² von der Po Ebene auf 450 m ü.d.M. hinauf zum Col de Mary bis auf 2700m über dem Meer. Der gleichnamige Fluß ist ein Zustrom des Po. Es wird begrenzt vom Varaita-Tal im Norden, dem französischen Department Hautes-Alpes im Westen und den Tälern Stura di Demonte und Grana im Süden. Das eigentliche Berggebiet besteht aus 13 unterschiedlich großen Gemeinden: Dronero, Villar San Costanzo, Roccabruna, Cartignano, San Damiano Macra, Macra, Celle di Macra, Stroppo, Marmora, Canosio, Elva, Prazzo und Acceglio. 

Das Mairatal ist erst sehr spät aufgrund von einem Bevölkerungszuwachs im Alpenvorland und einem wärmeren Klima besiedelt worden. Die Bewohner des Mairatales erarbeiten sich eine bemerkenswert autonome Lebensweise, die sie über Jahrtausende für sich beanspruchen und leben konnte. Dies ist mit Sicherheit eine Besonderheit des Tales, die in der Form nirgendwo anders in den Westalpen zu finden ist. Trotz dieser Tatsache sind die Bewohner wirtschaftlich sehr stark mit ihren Nachbartälern vernetzt.
Die Entwicklung des Tales verläuft nicht geradlinig. Kriege und Krankheiten raffen ganze Dörfer nieder und bringen das Tal ein erstes Mal an die Grenze zur totalen Entvölkerung. Nur in Zeiten des Friedens konnte auch die Wirtschaft des Tales und somit ihre Bevölkerung wachsen.

Die Bergbauern des Altsiedelraumes organisieren sich in Kommunen oder Gemeinden und betreiben den Ausbau der Siedlungen mehr oder weniger eigenständig. Die Gemeindemitglieder erstellten im 12. und 13. Jahrhundert eigene Statuten, die die Rechte und Pflichten jedes Bewohners festhielten. Aus dieser Zeit stammen auch die Statuten des oberen Mairatales.

Das Nutzungssystem ist stark vertikal gestaffelt. Von November bis Mai wohnt der Mensch in der Dauersiedlung in der Nähe des Talbodens. Ab Mai werden die höher gelegenen Sommersiedlungen bezogen. Von dort aus zieht ein Teil der Familie weiter auf die Alm und ein Teil steigt zwischenzeitlich wieder hinab zur Dauersiedlung um die Feldarbeiten zu erledigen. Diese Dreiteilung in Wintersiedlung, Sommersiedlung und Almsiedlung ist die häufigste Form des Nutzungssystems, jedoch variiert die Anzahl der Siedlungen, je größer der Höhenunterschied zwischen Alm und Talboden wird.

Gängiger Aufbau einer dreigeteilten, gestaffelten Bewirtschaftung im südlichen Alpenraum
topografische Karten des Mairatales mit Bebauung, politischen Grenzen, Straßennetz und Wanderwegenetz

Die heutige missliche Lage des Mairatales und seiner Nachbartäler ist hauptsächlich auf den im 19. Jahrhundert beginnenden und im 20. Jahrhundert vollendeten Strukturwandel zurück zu führen. Am eindeutigsten ist der Strukturwandel an der Bevölkerungsentwicklung abzulesen. Dieser ist direkt an die wirtschaftliche Entwicklung eines Raumes gekoppelt: wächst die Wirtschaft, so steigen auch die Bevölkerungszahlen. Schrumpft die Wirtschaft, wandern die Menschen ab. Ein Bevölkerungsrückgang verweist also auf wirtschaftliche Probleme und in der Folge auf die Tendenz einer kulturellen Erstarrung und einer geringer werdenden Umweltnutzung. [24]
In diesem Abschnitt wird dargelegt, wie aus einem der am dichtesten besiedelten Täler eine Gebiet mit der teilweise geringsten Bevölkerungsdichtedes Landes geworden ist (In Acceglio kommen heute auf einen Quadratkilometer 1,2 Bewohner).

Die Faktoren Einigung Italiens, erste räumlich nahe gelegene Fabriken, geregelte Arbeitszeiten, bessere Löhne in den Fabriken und der Bau der Staatstraße führten zu ersten Tendenzen einer Abwanderung. Der erste Weltkrieg stoppte für kurze Zeit eine Weiter-entwicklung dieser Tendenzen. Nach dem Krieg setzte dann die erste große Abwanderungswelle gen Ebene ein. Die Fabrikbesitzer boten den Menschen Raum in den neuen Arbeitersiedlungen an und errichteten eine grundsätzliche soziale Infrastruktur mit bildenden Einrichtungen und Freizeitangeboten. Die anfangs nur saisonal eingesetzten Bergbauern entschieden sich, dauerhaft nahe der Fabriken zu siedeln. Stark wachsende Firmen wie der Autohersteller FIAT und dessen Zulieferfirmen erfreuten sich einer wachsenden Anzahl zugezogener Arbeitskräfte. Bis zum 2. Weltkrieg schrumpften die Bevölkerungszahlen im Mairatal und den Nachbartälern um teilweise mehr als 50 %

Die 5 Potentiale des näher betrachteten Raumes: die zwei Gemeinden Marmora und Canosio verfügen über zahlreiche Ressourcen, die mit der richtigen Strategie vernetzt und so als Potentiale genutzt werden können.

Das produzierende Gewerbe ist zwar sehr begrenzt vorhanden aber die Steinbrüche in Canosio und Acceglio und die kleinen holzverarbeitenden Betriebe in Stroppo und San Damiano Macra sind optimal geeignet um für Bautätigkeiten nicht grundsätzlich auf Firmen aus des Ebene an gewiesen zu sein. An dieser Stelle sind aber auch jene Gemeinden gefordert, die ein breites Angebot an handwerklichen Betrieben vorweisen können. Dronero, Villar San Costanzo und Roccabruna müssen sich hier in der Verantwortung stehen und ihre wirtschaftlichen Tätigkeiten vor allem auf das Mairatal ausdehnen.

Das Tal besitzt Wasserkraftwerke, die nicht nur das Tal sondern einen wesentlich größeren Teil der Provinz Cuneo mit Strom versorgen kann. Die öffentliche Hand muss hier den entscheidenden Schritt wagen und diese Kraftwerke in ihren Besitz bringen. So könnte das Tal durch diese regenerative Energiequelle eine saubere, nachhaltige Energieversorgung erschaffen.

In der Lebensmittelproduktion gibt es einige wenige spezielle Produkte wie etwa Alpenwacholder und spezielle Käseproduktionen von Ziege und Kuh. Daneben gibt es speziell im Talboden den Anbau von Kastanien. Diese Produkte müssen wieder zu einer Haupteinnahmequelle vor allem in der Gastronomie werden. Heute ist es so, dass die Restaurants weitgehend eigenständig ihrer Tätigkeit nachgehen und es wenig Zusammenarbeit untereinander gibt. Die Unterkünfte im Tal sind mittlerweile relativ zahlreich geworden und meistens mit einer Gastronomie gekoppelt oder hängen im Konzept des Weitwanderweges und des Mairaweges mit drin. Ein überschaubares Konzept und Angebot für das Tal gibt es aber nicht. Der erste Schritt muss sein, die Betreiber von Gastronomie und Hotelerie zusammenzuführen und ein übergeordnetes Konzept für das gesamte Tal zu erstellen. Schnell wird man feststellen, dass jede Gemeinde ein leicht differenziertes Angebot bietet.  

Das Wanderwegenetz ist, wie bereits erwähnt, gut ausgebaut und ist die Basis für jegliche Aktivität im Tal. Neben diesen Wanderwegen, die vor allem von ausländischen Touristen geschätzt werden, gibt es ausgewiesene Mountainbike – Wege, Klettergärten für sommerliche Aktivitäten und Schitourenpfade, Langlaufloipen und geführte Schneeschuhwanderungen für den Winter. Ein Verzeichnis aller sportlichen Aktivitäten gibt es nicht.

Die Landschaften des Tales sind teilweise einzigartig. In Canosio befinden sich die sogenannten Dolomiten des Piemont und Acceglio besitzt das landschaftliche Wahrzeichen des Tales: die rocca provenzale. Kulturell ist das Tal wie so viele Alpentäler aufgrund der geographischen und sozioökonomischem Situation sehr eigenwillig und eigenständig entwickelt worden. Neben der romanischen Bergbauernwirtschaft haben sich zahlreiche, sehr spezielle Berufe entwickelt, die das kulturelle Erbe des Tales bereichern. Die einzigartige autonome Lebensweise des Mairatales im Mittelalter, die Fokussierung auf den Erhalt dieser Lebensweise führte zu der Gründung einer gemeinsamen Identität, die heute weitgehend verloren gegangen ist. Die Erinnerung an eine gemeinsame Geschichte ist für eine gemeinsame Zukunft des Tales unerlässlich.

Fagus Die beiden Gemeinden Canosio und Marmora wurden eingehend analysiert: Eine Rückzugsstrategie mit gleichzeitiger Konzentration auf erhaltenswerte Orte wird vorgeschlagen, um Dörfer und somit auch Kultur und Wirtschaft zu erhalten. 

Eine nähere Betrachtung der zwei Gemeinden ergibt ein aufschlussreiches Bild: das soziale Leben der Gemeinden findet praktisch nur noch im Hauptort und dessen räumlich sehr nahe gelegenen Ortschaften statt. Alle Siedlungen, die weiter als einen Kilometer von diesem Zentrum entfernt sind, sind einem noch viel stärkeren Verfall ausgesetzt.

Um eine reelle Chance auf eine Stabilisierung der Region zu gewährleisten ist ein geordneter räumlicher Rückzug der allererste Schritt. Die heutigen Strukturen sind dafür ausgelegt eine sehr große Zahl von Bewohnern zu versorgen. Die Überreste des dicht besiedelten Tales sind heute überall in den Gemeinden unübersehbar. Jede Ortschaft ist von starken Wüstungen betroffen, viele von Ihnen sind verlassen oder werden von teils weniger als drei – vier Personen bewohnt. Diese Menschen sind überdurchschnittlich alt und werden nach ihrem Ableben eine verlassene Siedlung zurücklassen. Die Schrumpfung der Gemeinden ist an manchen Orten nicht mehr aufzuhalten.

Die Idee ist, alle verfügbaren Kräfte in die erhaltenswerten Zentren zusammen zu ziehen. Eine Analyse der noch verbliebenen Bewohner, der wirtschaftlichen Aktivitäten und der kulturell bedeutenden Ortschaften ergibt eine erste Anzahl von Orten und Gebäuden, die ohne größere Probleme abgebaut werden können. Die überschüssigen Ressourcen von Baumaterial werden in die erhaltenswerten Strukturen zurückgeführt. Landschaften, die weit ab von diesen Ortschaften liegen, werden der Natur wieder zurückgegeben. Eine Ver-kleinerung der Kulturlandschaft hat zwar zur Folge, dass sich das Landschaftsbild ändert und teilweise die Wildnis an ihre Stelle tritt, doch ist so überhaupt nur der Erhalt eines Teils der Kulturlandschaft möglich. Die Bewirtschaftung einer derart großen Fläche ist allein durch den Arbeitskräftemangel nicht aufrechtzuerhalten. Auf der anderen Seite besitzt die Wildnis eine Anziehungskraft für Touristen, da sie eine echte Naturlandschaft darstellt, die in Europa immer rarer wird.

Das Prinzip Rückbau: Baumaterialien werden gesammelt und in den erhaltenswerten Orten für die Konsolidierung des Ortes weiterverwendet

Der Rückzug aus der Landschaft in die erhaltenswerten Orte und eine Konzentration auf die fünf Potentiale hat zur Folge, dass sich die Landschaft teilweise verändern wird. Brachliegende Kulturlandschaften werden in den folgenden Jahrzehnten verbuschen und sich im Laufe der Zeit wieder zu einer echten Naturlandschaft verwandeln. Dies bedeutet auch, dass das vom Menschen erschaffene, stabile Ökosystem Kulturlandschaft wieder zu einer durch natürliche Vorgänge wie Niederschläge, Erdrutsche, Lawinen ständig verändernde Naturlandschaft wird, die der Mensch ohne ein erneutes massives Eingreifen nicht mehr nutzen kann. Die Wildnis kehrt ein Stück weit wieder in die Alpen zurück und mit ihr ein Lebensraum für bedrohte Tier- und Pflanzenarten.

Die erhaltenswerten Orte der Gemeinden sind die zivilisatorischen Rückzugsgebiete des Menschen, die nun auf einer wesentlich verkleinerten Fläche auch effizienter erhalten werden können. Die dortige Kulturlandschaft bleibt erhalten und kann wieder intensiver bewirtschaftet werden. Die Ortschaften bieten zahlreiche Möglcihkeiten einer architektonischen Konsolidierung und behutsamen Weiterentwicklung, überflüssige Gebäude weichen Freiflächen, die der Landwirtschaft überführt werden oder als Freiflächen der Öffentlichkeite zugänglich bleiben.